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Beim Yoga geht es nicht nur um die Stellungen, die wir einnehmen – die so genannten Asanas. Um die Gesamtheit der Yoga-Philosophie zu verstehen, sollten wir einen Blick auf die Acht Glieder des Yoga werfen. Sie sind Teil der Yoga Sutras, die Patanjali, der wohl berühmteste indische Gelehrte zum Thema Yoga, verfasst hat. Die Yoga Sutras sind 196 kurze Aphorismen (Formeln). Sie beschreiben die Visionen, Praktiken, Techniken und Erfahrungen, die den Yoga-Weg umfassen. Der 8-gliedrige Pfad des Yogas wird oft als das Herzstück der Yoga Sutras angesehen.

Aber: Was ist Yoga eigentlich?

Yoga, wie es von Patanjali beschrieben wird, setzt uns ein spirituelles Ziel und zeigt uns die Mittel, um es zu erreichen. Im Yoga geht es um die Transformation (parinama) von Körper und Geist. Er hilft uns, die verschiedenen Schichten unseres Wesens systematisch zu transformieren. Um es vorweg zu nehmen: Im Yoga geht es darum, die bestmögliche Beziehung zu sich und zur äußeren Welt herzustellen – zu Objekten und Wesen.

Patanjalis Yoga ist einer der systematischsten Ansätze zum Verständnis des Geistes, der uns die Werkzeuge an die Hand gibt, um den Geist (citta) zu kontrollieren, ihn zu transformieren und schließlich den Geist zu transzendieren.

Was ist der 8-gliedrigen Pfad des Yoga?

Die 8 „Teile“ im Yoga sind: 1. Yama · 2. Niyama · 3. Asana · 4. Pranayama · 5. Pratyahara · 6. Dharana · 7. Dhyana · 8. Samadhi. 

1. YAMA – Soziale Disziplinen oder moralische Gelübde

Als erstes Glied nennt Patanjali Yama: Praktiken der sozialen Disziplin, die das Funktionieren des Geistes in unseren Beziehungen zu anderen reguliert.

Patanjali zählt die folgenden 5 Yamas auf:

  • Ahimsa (Gewaltlosigkeit),
  • Satya (Wahrhaftigkeit),
  • Asteya (Nicht Stehlen),
  • Brahmacharya (rechter Gebrauch der Energie) und
  • Aparigraha (Nicht-Gier oder Nicht-Horten).

Yamas sind keine Prinzipien, sondern Praktiken. Erstens ist Yoga nicht dazu gedacht, uns etwas aufzuerlegen, auch keine Verhaltensregeln. Zweitens sind die Yamas als messbare Handlungen gedacht, nicht als Regeln, die man in der Privatsphäre seines Hauses befolgt. Drittens werden diese Praktiken zu bestimmten Zwecken ausgeführt, die Patanjali in den einzelnen Sutras klar darlegt. Der Kontext dieser Hinweise ist psychologisch (Erreichen eines bestimmten Geisteszustandes), nicht ethisch. Viertens sind Yamas dafür da, um sich bei Entscheidungen und Handlungen zu fragen: „Dient dies der Aufgabe, die ich mir gestellt habe, oder nicht?“

Umsetzen kannst Du die Yamas wie folgt: Beobachte verschiedene Aspekte Deines Lebens im Zusammenhang mit einem bestimmten Yama und entscheide Dich für eine spezifische Veränderung in diesem Bereich und setzen Deine Entscheidung dann um. Das kannst z.B. sein: Im nächsten Konflikt die Ruhe zu bewahren und ehrlich, aber gewaltfrei zu kommunizieren.

2. NIYAMA – Positive Pflichten oder Verhaltensweisen

Nach den Praktiken der sozialen Disziplin beschreibt Patanjali die Praktiken der individuellen Disziplin – die Niyamas. Während die Yamas unser Funktionieren in den Beziehungen zu anderen regeln, betreffen die Niyamas unsere Beziehung zu uns selbst und sind als eine Art Reinigungspraxis eine direkte Vorbereitung für weitere Praktiken (Asanas, Pranayama, Pratyahara und Konzentrations- und Meditationspraktiken).

Patanjali beschreibt die folgenden 5 Niyamas:

  • saucha (Sauberkeit),
  • santosha (Genügsamkeit),
  • tapas (Disziplin),
  • svadhyaya (Selbststudium oder Selbstreflexion und Studium der spirituellen Texte) und
  • isvara pranidhana (Hingabe an eine höhere Macht).

Ein Beispiel dazu: Bevor es auf die Matte geht, sollte der Körper gereinigt sein (z.B. keine schmutzigen Füße) und Disziplin kann hier bedeutet, sich einer regelmäßigen Asana-Praxis zu widmen.

3. ASANA – Körperhaltung

Die Fragen im Zusammenhang mit den Asanas in den Yoga Sutras sind vielleicht am schwierigsten zu erörtern, und zwar aus einem einfachen Grund: Für die einen sind Asanas körperliche Übungen, für Patanjali sind sie meditative Positionen. Seiner Lehre zufolge sollten Asanas stabil und bequem sein.

Asanas beeinflussen den Praktizierenden auf drei Ebenen:

  • die körperliche Ebene,
  • die mentale/spirituelle/psychische Ebene,
  • die energetische Ebene.

Die Qualität der Entspannung, des Wohlbefindens – sukham – ist in der Praxis von entscheidender Bedeutung, denn die Freiheit von Anspannung ist die Freiheit von unseren Konditionierungen.

Nach Patanjali müssen die Yogastellungen folgende Kriterien erfüllen: Stabilität, Spannungsfreiheit, Freiheit von unnötiger Anstrengung und Konzentration auf langes und freies Atmen.

Du denkst Dir vielleicht jetzt „stabil und bequem – ich im Krieger 2 – niemals“ – Ziel der Praxis ist es, dass wir die Übungen mit der Zeit mit Leichtigkeit ausüben können. Das dauert Zeit. Es ist ok (und gewünscht), dass du auf dem Weg dorthin auf Deinen Körper hörst und einfachere Varianten übst, Dir Unterstützung holst (bspw. durch einen Stuhl, ein Kissen) oder eine Alternative praktizierst (z.B. ein Knie auf den Boden ablegst). Yoga sollte Dir guttun!

Asana

4. PRANAYAMA – Atmungstechniken

Die Grundlage unserer Praxis ist der Atem. Je bewusster man sich des Atems ist, desto stärker ist das innere Leben. Es ist notwendig, den Atem mit Achtsamkeit beim Ein- und Ausatmen zu begleiten.

Wenn wir mit dem Atem arbeiten und Atemübungen durchführen hat dies einen direkten Einfluss auf unser Nervensystem. Wir können die unkontrollierte Bewegung des Geistes stoppen und körperlich wie mental zur Ruhe kommen. Der Begriff „Pranayama“ besteht aus zwei Teilen: Prana und Yama. Yama bedeutet Kontrolle, Prana bedeutet Lebenskraft oder Lebensenergie. Pranayama ist also die Praxis der Kontrolle des Flusses von Prana (Lebenskraft). Eine zweite Übersetzung des Begriffs zerlegt den Begriff „Pranayama“ in Prana und Ayama – Ausdehnung, Ausbreitung. Wir können somit die Yogatechnik auch als die Praxis der Ausbreitung von Prana übersetzen.

5. PRATYAHARA – Sinnesentzug

Die Praktiken des Sinnesentzugs (Pratyahara) bieten uns ein hilfreiches Werkzeug für die Arbeit mit aufkommenden Eindrücken. Patanjali definiert Pratyahara wie folgt: Der Rückzug der Sinne findet statt, wenn wir die Sinne von möglichen Objekten trennen. Der Autor der Yoga Sutras geht davon aus, dass der natürliche Zustand des Geistes „sattva“ ist und somit Leichtigkeit, Frieden, Harmonie bedeutet. Dieser Zustand kann jedoch gestört werden, wenn der Geist abgelenkt wird. Eine der häufigsten Ursachen für Ablenkung sind die Sinne, die unsere Aufmerksamkeit auf äußere Objekte lenken.

Wenn wir Pratyahara praktizieren, analysieren wir die Eindrücke nicht, wir versuchen nicht, sie zu kontrollieren, wir akzeptieren bedingungslos auch die Eindrücke, die wir nicht mögen. Wir beurteilen nicht, ob diese Eindrücke positiv oder negativ sind, noch benennen wir sie. Auf diese Weise gelangen wir in einen neuen Zustand des Geistes, in dem er völlig entspannt und dennoch aufmerksam ist. Andererseits lernen wir, auch auf unangenehme Eindrücke neutral zu reagieren, was sich später auf unser Verhalten im Alltag auswirkt. Wenn wir lernen, auf diese Weise im Liegen oder Sitzen entspannt zu arbeiten, können wir sie in jeder Situation anwenden, in der es uns schwerfällt, uns von der Flut der Eindrücke zu distanzieren.

6. DHARANA – Fokussierte Konzentration

Dharana bedeutet „fokussierte Konzentration“. Dha bedeutet „Halten oder Aufrechterhalten“, und Ana bedeutet „anderes“ oder „etwas anderes“.

Jedes Glied der Acht Glieder des Yoga bereitet uns auf das nächste vor. Während Pratyahara uns lehrt, unsere Aufmerksamkeit vom Äußeren auf das Innere zu lenken, lehrt uns die Praxis von Dharana, „heranzuzoomen“, so dass wir uns auf eine einzige Sache konzentrieren können.

 7. DHYANA – Meditative Absorption

Das siebte Glied ist die „meditative absorption“ – wenn wir völlig in den Fokus unserer Meditation versunken sind, dann meditieren wir wirklich. All die Dinge, die wir im Unterricht lernen, sind lediglich Techniken, die uns helfen sollen, uns zu beruhigen, zu fokussieren und zu konzentrieren. Ein Beispiel dafür, wie die 8 Stufen des 8-gliedrigen Pfades des Yoga aufeinander aufbauen: Die Asana-Praxis macht unseren Körper stark, gesund und schmerzfrei, so dass wir in der Meditation im Schneidersitz sitzen können, ohne uns dabei unwohl zu fühlen und so in den meditativen Zustand eintauchen können.

8. SAMADHI – Glückseligkeit oder Erleuchtung

Samadhi ist der letzte Schritt auf dem Weg der Yoga Sutras von Patanjali.

Wenn wir das Wort in zwei Hälften brechen, sehen wir, dass diese letzte Stufe aus zwei Wörtern besteht: „sama“ bedeutet „gleich“ oder „gleich“ und „dhi“ bedeutet „sehen“. Es gibt einen Grund, warum es Verwirklichung genannt wird. Denn beim Erreichen von Samadhi geht es nicht darum, zu entfliehen, wegzuschweben oder sich im Überfluss zu freuen; es geht darum, das Leben, das vor uns liegt, zu erkennen. Die Fähigkeit, „gleichberechtigt“ und ohne Störung durch den Verstand zu sehen, ohne dass unsere Erfahrung durch Vorlieben, Abneigungen oder Gewohnheiten konditioniert ist, ohne die Notwendigkeit, zu urteilen oder an einem bestimmten Aspekt zu hängen – das ist Glückseligkeit.

Bliss

Geht es beim Yoga also nur darum, Posen einzunehmen?

Viele Menschen kennen nur die Asana-Praxis, aber Yoga ist so viel mehr. Der 8-gliedrigen Pfad des Yoga zeigt, dass Yoga nicht nur auf der Matte stattfindet, sondern eine Lebensphilosophie ist. Es ist der Weg der Praxis, des ständigen Übens, um seine ganzheitlichen Qualitäten zu entfalten.

Wie kannst Du die 8 Stufen des Yogas in Deiner spirituellen Praxis anwenden?

Idealerweise ist das, was wir in einer spirituellen Praxis suchen, Transformation, nicht Starrheit. Es geht um Wachstum, Ehrlichkeit, Disziplin und Transformation. Wenn wir die Acht Glieder durch diese Linse betrachten, werden sie für uns zu einer Möglichkeit, alle Ebenen unseres Selbst zu überprüfen, von der Ebene der Welt und der Menschen um uns herum bis hin zu der Art und Weise, wie wir uns zu unserem inneren Wesen verhalten. Schließlich ist das Erleben der externen Welt einer der wichtigsten Wege, auf denen wir unsere Lebendigkeit spüren: Wir leben in einer Welt, die miteinander verbunden, voneinander abhängig und pulsierend vielfältig ist. Wenn wir nur in unseren eigenen Gedanken leben, werden wir von der Erfahrung und der Welt, in der wir tatsächlich leben, abgeschnitten.

In Anlehnung an das Buch „One Simple Thing“ von Eddie Stern können wir den 8-gliedrigen Pfad des Yoga im Zusammenhang mit den folgenden Verhaltensweisen interpretieren:

  1. Yama: Ich entscheide mich bewusst dafür, meine zwischenmenschlichen Interaktionen achtsam, liebevoll und respektvoll zu gestalten.
  2. Niyama: Ich entscheide mich bewusst dafür, mich meinen spirituellen Praktiken und Disziplinen zu widmen.
  3. Asana: Ich entscheide mich bewusst dafür, durch das Üben von Körperhaltungen für meinen Körper und Geist zu sorgen.
  4. Pranayama: Ich entscheide mich bewusst dafür, meinen Atem und mein Nervensystem durch Atemübungen zu regulieren und auszugleichen.
  5. Pratyahara: Ich entscheide mich bewusst dafür, auf das Bewusstsein zu achten, das unter mir liegt und die Kraft hinter meinen Sinnesorganen ist.
  6. Dharana: Ich entscheide mich bewusst dafür, meinen Fokus und meine Aufmerksamkeit zu lenken und mich neu zu konzentrieren, wenn es nötig ist.
  7. Dyana: Ich entscheide mich bewusst dafür, meinen Geist auf die Absorption in meine Objekte der Konzentration und Aufmerksamkeit zu lenken.
  8. Samadhi: Ich entscheide mich bewusst dafür, meine Wahrnehmung auf eine Erfahrung des Einheitsbewusstseins auszurichten.

yoga philosophy

Der 8-gliedrige Pfad des Yoga als Ganzes hat zum Ziel alle „Unreinheiten“ zu entfernen, die unser Bewusstseinsfeld trüben, die spirituelle Befreiung von den Fesseln unseres konditionierten Geistes. Das Ziel des Yoga ist es, dass unser Wesen in seinem eigenen Selbst ruht und sich nicht durch Identifikation mit der sich verändernden Natur der Welt verliert. Das ist es, was in der yogischen Tradition Freiheit genannt wird.

Und alles beginnt mit dem Weg der Praxis. 😊

Quellen:

Eddie Stern – „One Simple Thing: A New Look at the Science of Yoga and How It Can Transform Your Life“

Maciej Wielobób – „Psychologia jogi“